Rock'n'Pray 2013
Geistliches Crossover-Konzert in Hamburg

Urauffürung:
Missa für Chor, Rockband & Orchester(Wolfhard Lippke, *1982)

Das Werk wurde von Wolfhard Lippke im Jahr 2010 anlässlich seines Studienabschlusses an der Musikhochschule Lübeck komponiert. Lippke, der 2009 sein katholisches und evangelisches Kirchenmusik-Diplom erwarb und im Rahmen seiner Diplomarbeit eine Neu-Edition der Lukas-Passion von Georg Philipp Telemann (1744) erstellte, hatte zudem Schulmusik mit dem künstlerischen Schwerpunkt Rock/Pop/Jazz studiert und 2010 sein erstes Staatsexamen abgelegt. Das Thema seiner Staatsexamensarbeit lautete: Komposition einer lateinischen Messe im populärmusikalischen Stil, Reflexion und Einordnung in die aktuelle christliche Popmusik".
Das Kompositionsergebnis ist die hier vorliegende Missa.

Der musikalische Grundgedanke der Missa ist die Verknüpfung von Tradition und Innovation, indem klassische Kompositionsprinzipien mit der Tonsprache zeitgenössischer Rock- und Pop-Musik in Einklang gebracht werden. Die Verwendung und popmusikalische Rhythmisierung der lateinischen Sprache ist hierfür das erste Stilmerkmal. Die Besetzung in den drei Ebenen (Vokalklang, Orchesterklang und Rockband) beabsichtigt ebenfalls, eine Brücke zwischen den Genres zu schlagen, indem sich alle Ebenen stets ergänzen und durchdringen, anstelle einander plakativ gegenübergestellt zu werden. Die Vokalparts sind ausschließlich chorisch besetzt und vier- bis achtstimmig. Das Orchester umfasst neben einem klassischen Streichersatz drei Hörner und je eine Oboe und Flöte, dazu Pauken und Röhrenglocken. In der Rockband werden eine starke Rhythmusgruppe (zwei Gitarren, Bass, Drumset, Keyboard, Orgel, Percussion) mit einer Bigband-inspirierten Brass-Section (zwei Trompeten, drei Saxophone und zwei Posaunen) verknüpft. Alle drei Klangkörper werden kompositorisch zu einer Einheit verschmolzen.

Kontrapunktische Fugen, wie z.B. das Christe eleison (im Kyrie), das Cum Sancto Spiritu (im Gloria), das Benedictus (im Sanctus) oder das Dona nobis pacem (im Agnus Dei) basieren hinsichtlich der Dissonanzbehandlung auf der Harmonielehre des Jazz: Dreiklangserweiterungen, die in der klassischen Kontrapunktik noch als Dissonanzen gelten würden, gehören hier als sog. tensions zum festen Bestandteil der dadurch z.T. sehr mystisch und sphärisch anmutenden Chorsätze. Erst die sog. avoid notes ("verbotene Noten" => Töne, die in der Jazz-Harmonielehre aufgrund ihrer dissonanten Eigenschaften nicht als Akkorderweiterungen, d.h. tensions, benutzt werden dürfen) werden im kontrapunktischen Sinne als Dissonanzen in Fugen und Imitationsformen eingeführt und behandelt und sorgen so für eine lineare Stimmführung, welche der rhythmisierten lateinischen Sprache Rechnung trägt und sich passgenau in die harmonische und rhythmisch beat-orientierte Umgebung, die durch die Rhythmusgruppe geschaffen wird, einfügt.

Die fünfsätzige Komposition ist für den liturgischen Gebrauch ebenso denkbar wie für den konzertanten, da sie einen Zeitrahmen von etwa 35 min nicht überschreitet und somit nicht länger ist als z.B. manche kleinere klassisch-romantische Messen für Chor und Orchester z.B. von Haydn, Mozart oder Schubert, welche ja ebenfalls zu gegebenen Anlässen, d.h. in besonderen Gottesdiensten im Kirchenraum erklingen. Hierbei wäre durchaus denkbar, dass die große ausladende Schlussfuge Dona nobis pacem, welche nach dem einmalig gesungenen "Dona nobis pacem" erklingt, vom Rest des Agnus Dei abgetrennt an anderer geeigneter Stelle im Gottesdienst, z.B. während des Abendmahls, musiziert wird, um den Verlauf der Liturgie nicht künstlich zu bremsen. Im Sinne eines organischen Flusses wurde darauf verzichtet, die einzelnen Sätze Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei jeweils auf mehrere Nummern zu verteilen, sondern für jeden liturgischen Satz auch nur einen musikalischen zu komponieren. Hierbei galt es, sich denselben Herausforderungen zu stellen, die bereits klassische Komponisten einer Missa brevis (kurze Messe) zu bewältigen hatten, z.B. die Fülle des Textes in Gloria und Credo. Für das Credo wurde stellenweise das von klassischen Meistern entwickelte Prinzip der Polytextur (d.h. verschiedene Chorstimmen singen zur gleichen Zeit unterschiedliche Teile des Credotextes, so dass der gesamte Text zwar musiziert wird, aber nicht von allen Stimmen vollständig, was praktisch Zeit erspart) herangezogen, indem Frauen- und Männerstimmen jeweils gemeinsam unterschiedliche Teile des Textes auf einem wiederkehrenden Harmoniepattern singen. Ein anderer nicht unproblematischer Aspekt im Kompositionsprozess war die formale Gliederung: Musikalische Traditionen, wie z.B. die Existenz größerer Fugen im Christe, Cum Sancto oder Dona nobis pacem, sollten beibehalten werden, andererseits sollte der prosaische lateinische Text im Original belassen werden und trotzdem stilistisch in populärmusikalische Formen wie verse und chorus (Strophe und Refrain) gebracht werden. All dies sollte zumindest innerhalb der einzelnen Sätze über einem durchgehenden Pop-Beat funktionieren. Insofern mussten wiederkehrende musikalische Elemente gefunden werden, wie z.B. das Gloria-Motiv oder das Seitenthema Et in terra pax, die für den Hörer zwar eine eingängige Gliederung möglich machen, aber dennoch genug Abwechslung stiften, und zusätzlich auf sinnerfüllende Weise den Text ausdeuten. Im Credo gelang es sogar, durch eine nahezu motettenhafte polyphone Auskomposition des Wortes "Credo" über mehrere Takte ein - bzw. das erste Wort zum Motto für das gesamte Stück und somit zu einer Art Refrain für die bereits benannten polytextierten "Strophen"-Abschnitte über wiederkehrenden Harmoniepatterns zu machen. Ergänzt im Sinne besonderer Abwechslung wird dieses noch durch die musikalische Verfremdung zweier zitierter homophon gesetzter Kirchenlieder zu jeweils textlich passenden Stellen (et incarnatus est und et resurrexit).

Besonderes Augenmerk sollte auch auf die kompositorische Verarbeitung von Motiven und Themen gelegt werden: Image: Thema - Agnus Dei Das klagende in einer introvertiert-trüben lokrischen Tonleiter abwärts verlaufende Thema des Agnus Dei ("Agnus Dei, qui tollis peccata mundi:") wird, durch die Verschiebung eines Halbtonschrittes ins sphärisch-ruhige Lydisch transponiert, als Fugenthema im anschließenden Dona nobis pacem wiederaufgegriffen. Dies geschieht jedoch rhythmisch verschleiert, da das Agnus Dei zunächst als langsame Ballade im geraden Zweihalbe-Takt beginnt und die Dona-nobis-Fuge als Slow-Rock im bluesigen Zwölfachtel-Takt anschließt.
Image: Thema - Dona nobis pacem Hierdurch gelingt es, eine nicht offensichtliche aber doch spürbar in der Luft liegende thematische Einheit für den gesamten Satz herzustellen, wobei die Veränderung der Tonart vom Lokrisch zu Beginn (passend zum Leid Christi am Kreuz) hin zum weichen Lydisch (gemäß der Bitte um Frieden) nicht nur der musikalischen Variation des Themas um ihrer selbst willen dient, sondern auf grundlegende Weise zur Ausdeutung des Textes und seiner Botschaft führt.

Abschließend ist zu bemerken, dass trotz der Beheimatung im vermeintlich oberflächlich populärmusikalischen Stile alle musikalischen Entscheidungen der passenden Ausdeutung des liturgischen Textes untergeordnet wurden und zu diesem Zwecke etliche Stil- und Kompositionsmittel des klassischen Genres zum Einsatz kommen, so dass das am Ende entstandene Werk tatsächlich als "cross-over"-Komposition bezeichnet werden könnte. Diese Synthese trägt der Tatsache Rechnung, dass die älteste überlieferte christliche liturgische Musik, der gregorianische Choral, ein Tonartensystem verwendete, welches ca. 1000-1200 Jahre nach seiner Entstehung von progressiven Jazz-Musikern wiederentdeckt und weiterentwickelt wurde. Somit lag es nahe, in der heutigen Zeit sich nicht nur der Stilmittel der aktuellen Pop-Musik zu bedienen, sondern diese um die Errungenschaften der klassisch-romantischen Kompositionslehre sowie um die Neuerungen der modalen Jazz-Theorie des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu erweitern, so dass sich mit dieser Komposition möglicherweise für manchen Hörer ein musikalischer Kreis schließt, der mit der Entstehung des gregorianischen Chorals begann.